Omegawave Inside—Interview mit Dominik Suslik, Athletiktrainer, Hannover 96 Akademie

Omegawave: Wie wichtig ist dir das Thema Trainings- und Regenerationssteuerung?

Dominik Suslik: Das Thema Trainings- und Regenerationssteuerung bzw. -management spielt im Nachwuchsleistungszentrum von Hannover 96 “96 – Die Akademie” eine große Rolle. Gerade zu meiner Anfangszeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass auch im Nachwuchsfußball Spieler früh an Überlastungssyndromen, wie bspw. Schambeinentzündungen, Patellaspitzen-Syndrom oder mechanischen Problemen, gelitten haben. Ich habe mir von vorneherein die Frage gestellt, wo die Ursache dafür liegen könnte und das Thema Trainingssteuerung bietet da das größte Potential einzugreifen bevor Überbelastungen und Schäden eintreten. Das Trainings- und Regenerationsmanagement betreiben wir zum einen subjektiv mithilfe einer Software. Wir befragen hierbei die Athleten tagtäglich zu ihrem subjektiven Belastungsempfinden, ihrem Frischeempfinden und ihrem Muskelzustand, d.h. wir versuchen den zentralnervösen als auch körperlichen Status-Quo subjektiv abzufragen. Im nächsten Schritt sammeln wir mit der Firma Omegawave mehr objektive Daten, um dann tagesaktuell bessere Entscheidungen zu treffen.

„GERADE ZU MEINER ANFANGSZEIT HABE ICH DIE ERFAHRUNG GEMACHT, DASS AUCH IM NACHWUCHSFUßBALL SPIELER FRÜH AN ÜBERLASTUNGSSYNDROMEN GELITTEN HABEN (…) DAS THEMA TRAININGSSTEUERUNG BIETET DA DAS GRÖßTE POTENTIAL EINZUGREIFEN BEVOR ÜBERBELASTUNGEN UND SCHÄDEN EINTRETEN.“

OW: Wie erhebt ihr eure Daten?

DS: Für die Erhebung subjektiver Daten verwenden wir eine eigene Software mit App-Funktionen auf den Handys der Spieler. Jeder Spieler trägt täglich zum Frühstück sein Feedback nach deutschem Schulnotensystem in die Applikation ein, wobei 1 für sehr leicht und 6 für sehr anstrengend steht. Zusätzlich hinterlegen wir die Schulnoten mit Farben basierend auf das Ampelsystem (grün: 1-2; gelb: 3-4; rot: 5-6). Sobald der Spieler sein Feedback online über die App eingetragen hat, erscheint dies zeitgleich auf unseren Computern und wir können daraus den Teamdurchschnitt bestimmen und subjektiv damit weiterarbeiten.

Für die objektiven Daten führen wir Messungen unmittelbar vor Trainingsbeginn durch. Die Spieler erscheinen 30 bzw. 60 min vor Trainingsbeginn und dieses Zeitfenster nutzen wir, um sowohl Daten mit dem Omegawave-System zu erheben, als auch andere Messverfahren, wie Griffkraft und Sprunghöhe anzuwenden. Mit diesen Methoden können wir die körperliche und zentralnervöse Frische der Athleten feststellen und das Training an das aktuelle Frischelevel anpassen.

Dominik Suslik und Steven Cherundolo (Trainer Hannover 96 U17) bei der Analyse der Omegawave Daten

OW: Wie individualisierst du das Training für einzelne Spieler und für das Team basierend auf den Daten, die du sammelst?

DS: Für die Trainingssteuerung in der Akademie machen wir zunächst einen Monatsplan, bei dem wir mit verschiedenen Farben arbeiten. Diese Farben stehen quasi jeweils für ein Energiesystem: grün sind aerobe Einheiten: hier orientieren wir uns in erster Linie an der Herzfrequenz – gelbe Einheiten sind alaktazide Einheiten: d.h. hier führen wir wiederholte Sprints mit ausreichenden Pausen durch – in roten Einheiten bearbeiten wir vor allen Dingen das laktazide Energiesystem, wo dann die Herzfrequenzen bei über 85% der maximalen Herzfrequenz liegen. Hierfür überwachen wir zum einen die Trainingseinheiten herzfrequenzbasiert, ergänzen zudem GPS-Daten und fügen jetzt in neuester Instanz auch vor dem Training das Frische-Monitoring über das Omegawave-System hinzu.

Derzeit ist es so, dass die Athleten mindestens zwei Stunden vor Trainingsbeginn die App ausgefüllt haben müssen, damit wir zumindest das subjektive Feedback der Athleten haben, wie frisch sie sich fühlen. Neben dem aktuellen Frischelevel haben wir zusätzlich die Einschätzung der Trainingsintensität vom Vortag.

Aktuell gehen wir nur auf die Noten 5 und 6, d.h. alles, was im roten Bereich ist, ein. Sobald ein Spieler vor Trainingsbeginn eine 5 oder 6 angibt, ist das für uns ein Warnzeichen. Wir gehen dann am jeweiligen Tag auf den Spieler zu, das ist in der Praxis der Physiotherapeut (der ebenfalls Zugang zu diesen Informationen besitzt), aber auch der Athletik- und der Cheftrainer. In diesem Dreigestirn entscheiden wir dann für den jeweiligen Athleten, wie wir fortfahren. Das kann bspw. eine zusätzliche Behandlung sein, die keinen Einfluss auf das Mannschaftstraining hat und der Spieler im Anschluss normal teilnimmt. Es kann aber auch in Extremfällen sein, dass nach Interview des Athleten und nach Rücksprache mit Cheftrainer, Athletiktrainer und Physiotherapeut der Spieler aus dem Mannschaftstraining herausgenommen wird. Es wird aber so kommuniziert, dass die Entscheidung keine Strafe ist, sondern im Sinne des Athleten getroffen wurde, um ihn kontinuierlich weiter zu entwickeln und nicht abzuschießen.

OW: Suchst du immer die Kommunikation mit dem Spieler und dem Cheftrainer gleichzeitig? Wissen die Spieler auch, warum sie das machen?

DS: Ja, wir suchen immer die gemeinsame Kommunikation. Wir haben auch eine gewisse Wertebasis, die wir vorweg besprochen haben. Gerade bei den subjektiven Daten könnte man auch vermuten, dass ein Spieler das auch zu Manipulationszwecken nutzt, indem er sich bspw. frischer einschätzt als er tatsächlich ist. Genau aus diesem Grund halten wir es für notwendig objektive Daten zu ergänzen, weil man das nie ganz ausschließen kann. Nichtsdestotrotz setzen wir da auf Eigenverantwortung und vor allen Dingen auf die Vermittlung, dass wir den Spieler weiterentwickeln wollen, was im Prinzip der zentrale Punkt im Nachwuchsleistungssport ist. Es geht eben nicht immer nur darum, den kommenden Samstag auf „Teufel komm‘ raus“ fit und funktionsfähig zu sein, sondern sich eben über mehrere Jahre oder Monate zu entwickeln. Daher können die subjektiven Daten wertvoll genutzt werden, dennoch ist es, um es aussagekräftiger zu machen, in meinen Augen unabdingbar, objektive Daten zu nutzen.

„GERADE BEI DEN SUBJEKTIVEN DATEN KÖNNTE MAN VERMUTEN, DASS EIN SPIELER DAS AUCH ZU MANIPULATIONSZWECKEN NUTZT, INDEM ER SICH BSPW. FRISCHER EINSCHÄTZT ALS ER TATSÄCHLICH IST. GENAU AUS DIESEM GRUND HLATEN WIR ES FÜR NOTWENDIG, OBJEKTIVE DATEN ZU ERGÄNZEN (…).“

OW: Wie geht der Cheftrainer mit deinen Empfehlungen um?

DS: Er nimmt unsere Empfehlungen gut an. Im Prinzip sind bei diesem Thema der Cheftrainer, die Physiotherapeuten und die Athletiktrainer auf Augenhöhe. So sollte es, meiner Meinung nach, auch im Hinblick auf gesundheitliche Fragen und vor allem auch beim Thema Trainingssteuerung der Fall sein. Natürlich ist der Cheftrainer der finale Entscheider, wenn es darum geht, technisch-taktische oder Teamentscheidungen zu treffen, dennoch stehen die Gesundheit und die Entwicklung der Spieler an erster Stelle. Wenn wir anhand der subjektiven und objektiven Messdaten dem Trainer das Feedback geben, dass es sinnvoller wäre, den Spieler heute herauszunehmen, dann steht diese Empfehlung und am Ende auch die Entscheidung. Der Trainer hält dort zumindest nicht dagegen, zumal er weiß, dass die Gesundheit an erster Stelle steht.

OW: Was ist deine Vision als Athletiktrainer? Wie siehst du die Anwendung subjektiver und objektiver Daten auf lange Sicht? Wie sieht für dich das perfekte Monitoring-Tool der Zukunft aus?

DS: Ganzheitlichkeit heißt ja im Prinzip den Menschen, wie er bei uns ist, im Ganzen zu betrachten. Das Wort „Leistungssport“ ist in erster Linie sehr erfolgsorientiert und erfolgsgebunden. Sobald wir in der ersten Herrenmannschaft angekommen sind und in der ersten, zweiten oder dritten Liga spielen, ist dies der primäre Fokus. Vieles im Verein steht und fällt mit dem Erfolg der Mannschaft. Auch das Thema Fitness- und Athletiktraining wird in Deutschland derzeit sehr leistungsbezogen betrachtet. Ich sehe aber am Ende das größte Potential darin, dass, wie bei anderen Arbeitgebern auch, alle Arbeitnehmer möglichst immer zur Verfügung stehen. Das heißt aber nicht nur, dass sie prinzipiell fit sind, sondern, dass sie im Hier und Jetzt in der Lage sind, frisch zu sein und ihre Leistung abzurufen. Daher sehe ich ein Riesenpotential generell in der Belastungs- und Beanspruchungssteuerung, in dem wir die subjektiven Daten, also das, was der Mitarbeiter, der Athlet oder der Spieler mitbringt, mit den objektiven Daten vereinen. Aus diesem Tandem heraus sind wir dann tatsächlich in der Lage, bessere Entscheidungen zu treffen und vielleicht die Belastung und den Belastungsumfang nicht nur aus dem Gefühl oder aus der subjektiven Eindrucksanalyse des Trainers heraus zu verändern, sondern eben mithilfe von harten Fakten und weichen Faktoren zu mischen, um perspektivisch gesündere, leistungsfähigere Athleten zu haben.

Wenn man sich die Verletzungsstatistik in Deutschland anschaut, liegt der Fußball bzgl. der Verletzungszahlen an Nummer 1. Dies liegt auch sicherlich daran, dass es die Volkssportart Nummer 1 ist, unabhängig davon, ob wir im Breitensport, semi-professionellen oder professionellen Bereich sind. Eine Langezeitverletzung im Profibereich hat durch die lange Ausfallzeit zum Teil erhebliche Kosten zur Folge. Ursache hierfür sind zum Teil Fehleinschätzungen hinsichtlich der Leistungsbereitschaft einzelner Spieler. Diese lassen sich nicht vollends vermeiden, können jedoch durch den Einsatz von Messmethoden wie dem Omegawave-System zielführender getroffen werden.” Fitness ist nicht gleich Frische und da sehe ich über die Nutzung von Hardware und Software wie Omegawave ein Riesenpotential, um effizienter und gesünder im Leistungssport tätig zu sein.

„FITNESS IST NICHT GLEICH FRISCHE UND DA SEHE ICH ÜBER DIE NUTZUNG VON HARDWARE UND SOFTWARE WIE OMEGAWAVE EIN RIESENPOTENTIAL, UM EFFIZIENTER UND GESÜNDER IM LEISTUNGSSPORT TÄTIG ZU SEIN.“

Author

Torsten Amstein

Torsten Amstein ist Customer Relationship Manager und Performance Specialist bei Omegawave. Neben der Arbeit mit Athleten und Trainern, hält er sich selbst mit Fußballspielen und vielen anderen Sport-und Outdooraktivitäten fit. Zudem besitzt er einen Masterabschluss in Sportwissenschaften. Vernetze dich mit ihm über Twitter