Omegawave Inside—Interview mit Janosch Emonts, Athletiktrainer, FC St. Pauli

Omegawave: Wie wichtig ist dir das Thema Trainings- und Regenerationssteuerung?

Janosch Emonts: Ich glaube, dass die Regeneration ein zentraler Bestandteil des Trainingsprozesses ist. Wenn wir an Trainingsanpassungen denken, vor allem hinsichtlich Verletzungsprophylaxe, dann ist die Regenerationssteuerung ein zentraler Aspekt für uns. Wir müssen vor dem Training wissen, in was für einer Verfassung die Spieler sind, um möglichst individuell auf die Spieler eingehen zu können. Im Anschluss an das Training müssen wir die richtigen Regenerationsmaßnahmen schalten, entweder für die gesamte Mannschaft oder für den Einzelnen, um die ideale Anpassung herbeizuführen und für das nächste Training schnell wieder bereit zu sein. Daher sind unsere zwei Kerngedanken zum einen optimale Trainingsanpassungen zu erzielen, d.h. dass die Spieler durch das Training möglichst „stärker werden“, zum anderen nicht in einen Übertrainingszustand zu kommen und Verletzungen zu vermeiden.

Das Regenerationsmanagement wird sicherlich in Zukunft immer wichtiger, vor allen Dingen, wenn man bedenkt, welchen Stressoren die Spieler heutzutage außerhalb des Platzes ausgesetzt sind, z.B. der mediale Druck, die Reisestrapazen, die steigende Anzahl an Spielen während der Saison oder wenn sich die Spieler einfach in der Wettkampfphase befinden. Wenn dann Englische Wochen stattfinden, an denen man nicht mehr so viele Trainingsreize setzen kann, sondern wenn es darum geht, bis zum nächsten Spiel optimal zu regenerieren, dann ist die individuelle Regenerationssteuerung ein entscheidender Faktor, der nicht mehr wegzudenken ist.

„DAS REGENERATIONSMANAGEMENT WIRD SICHERLICH IN ZUKUNFT IMMER WICHTIGER, VOR ALLEN DINGEN, WENN MAN BEDENKT, WELCHEN STRESSOREN DIE SPIELER HEUTZUTAGE AUSSERHALB DES PLATZES AUSGESETZT SIND, Z.B. DER MEDIALE DRUCK, DIE REISESTRAPAZEN, DIE STEIGENDE ANZAHL AN SPIELEN WÄHREND DER SAISON“

OW: Wie erhebst du die Daten?

JE: Seit diesem Jahr [2016] versuchen wir verschiedene Systeme zu verwenden. Morgens nutzen wir das Omegawave-System für unsere Spieler. Sie führen die Messungen selbstständig Zuhause durch, sodass wir vor Trainingsbeginn die Ergebnisse in unserem [Omegawave Coach] System erhalten. Gleichzeitig haben wir einen eigenen Fragebogen programmiert, mit dem wir die subjektive Einschätzung der Spieler erfassen. All diese Daten versuchen wir zu interpretieren, zu analysieren und mit der medizinischen Abteilung und dem Trainerteam abzustimmen. Wir kommen gut in die Kommunikation mit dem gesamten Stab, wenn wir ein Feedback von der medizinischen Abteilung darüber erhalten, was dort aufgefallen ist. Das stimmt häufig gut mit unseren Omegawave-Messungen überein. Wir können so direkt nach der Einschätzung fragen, wenn wir sehen, dass z.B. ein Spieler muskuläre Probleme hat oder ein anderer in der Omegawave-Messung Einschränkungen in der Regeneration des zentralen Nervensystems aufzeigt. Das kommunizieren wir mit dem Trainer [Ewald Lienen] und geben eine generelle Empfehlung für das Training. Wäre bspw. heute ein Hauptbelastungstag und der Athlet wäre nicht in der Lage sich an die hohe Belastung anzupassen, würden wir das Training für ihn individualsieren und seine Trainingsbelastung reduzieren.

So versuchen wir zu arbeiten und der nächste Schritt ist dann, den Spielern individualisierte Regenerationstipps zu geben. Wir führen z.B. in jedem Training Regenerationsmaßnahmen mit dem gesamten Team durch, z.B. Foamroll-Routinen, Auslaufen, Stretching-Übungen oder Mobilisationstechniken. Einige Spieler bekommen eine zusätzliche Empfehlung basierend auf unseren Analysen, bspw. Wechselbäder im Anschluss an das Training. Bei Spielern, die einen negativen Trend über einen längeren Zeitraum zeigen, geben wir u.a. auch Anleitungen verschiedener Meditationstechniken für Zuhause, um an der eigenen Regenerationsfähigkeit zu arbeiten.

OW: Wie nimmt der Cheftrainer [Ewald Lienen] eure/deine Empfehlungen an und wie werden diese im Training umgesetzt?

JE: Es gibt einen Trainingsplan für die Woche, in dem wir Trainingseinheiten besprechen, planen und periodisieren. Schlussendlich aber warten wir morgens auf die Ergebnisse unserer medizinischen Abteilung bzgl. Problemen oder Erkrankungen der Spieler und besprechen dann das Training. Wir gehen inhaltlich auf die Einzelheiten und auf unsere Ergebnisse ein und sprechen Empfehlungen für die jeweiligen Spieler aus. Die Trainer sind da eigentlich immer offen und interessiert und nehmen diese Empfehlungen auch an.

OW: Könntest du auf Beispiele von Daten eingehen, die dich überrascht haben und erläutern, wie du damit umgegangen bist?

JE: Wir sehen natürlich, dass die Spieler sehr unterschiedlich auf Belastungen reagieren. Dies sollte auch der Ansatz sein, dass man von einer starren Periodisierung zu einer variablen Periodisierung wechselt und dass wir uns jeweils anschauen, wie die Verfassung der Spieler an diesem Tag ist. Es gibt viele Faktoren, warum ein Spieler genau an einem Tag nicht regeneriert ist. Das kann einerseits durch die Belastung des Trainings sein, andererseits durch Stressoren, die wir nicht immer beeinflussen können. Wir haben Spieler erlebt, die bei den Leistungstests z.T. unglaubliche athletische Fähigkeiten und gleichzeitig sehr wenig Ermüdung aufzeigen, was uns überrascht hat. Dass wir Athleten haben, mit denen wir „machen können, was wir wollen“, ohne dass ein richtiger Ermüdungszustand eintritt, ist aber die Ausnahme. Wenn das Mannschaftstraining diese Spieler nicht auf den Punkt fördert und fordert und der Spieler von sich aus manchmal unter der Woche das Gefühl hat, er hätte nicht genug getan, dann können wir das in unseren Analysen sehen. Hier unterstützen wir den Spieler, indem wir ihm zusätzlich weitere Trainingsreize geben, bspw. in Form von weiteren Läufen oder (Schnell-)Krafteinheiten.

Gleichzeitig sehen wir aber auch Spieler, bei denen wir überrascht sind, dass sie nicht so regenerieren, wie wir es erwarten würden. Man versucht dann herauszufinden, warum dies der Fall ist. Sicherlich hinterfragt man sich selbst, laut Trainingsplan und -intensität dürften sie eigentlich keine größere Ermüdung zeigen, jedoch ist es manchmal unvorhersehbar, wie Spieler reagieren, zumal wir nicht immer alle Stressoren unter Kontrolle haben. Trotzdem muss man versuchen, darauf Rücksicht zu nehmen. Dadurch kommt man auch in die Kommunikation mit dem Spieler, lernt ihn besser kennen und verstehen und kann ihm den ein oder anderen Hinweis geben, damit er in Zukunft besser regeneriert und sein Leistungspotential besser abrufen kann.

„WIR SEHEN NATÜRLICH, DASS DIE SPIELER SEHR UNTERSCHIEDLICH AUF BELASTUNGEN REAGIEREN. […] ES GIBT VIELE FAKTOREN, WARUM EIN SPIELER GENAU AN EINEM TAG NICHT REGENERIERT IST. DAS KANN EINERSEITS DURCH DIE BELASTUNG DES TRAININGS SEIN, ANDERERSEITS DURCH STRESSOREN, DIE WIR NICHT IMMER BEEINFLUSSEN KÖNNEN.“

OW: Eine Frage zum Abschluss – wie sieht deine ganzheitliche Vision aus in Bezug auf Trainings- und Regenerationssteuerung?

JE: Zunächst haben wir eine integrierte Trainingsperiodisierung. Die ist abhängig von den Inhalten der Trainer, d.h. was wollen sie umsetzen, was für Spielformen stehen an. Das Athletiktraining während der Wettkampfphase oder auch in der Vorbereitungsphase planen wir um das Training der Trainer herum, um die Spieler optimal für die kommenden Belastungen vorzubereiten. Unser Ansatz ist es, dass wir prinzipiell einen groben Plan für den Monat, für die Woche, für den Tag haben, wir dennoch immer wieder Rücksicht darauf nehmen müssen, in was für einem Zustand die Spieler tatsächlich am jeweiligen Tag sind, um sie einerseits nicht zu überfordern und andererseits eine optimale Trainingsanpassung gewährleisten zu können. Schlussendlich ist es unsere Aufgabe zu versuchen, die Spieler in kurzer Zeit in der Vorbereitungsphase auf ein möglichst hohes physisches Niveau zu bringen. Sie müssen auch sportartspezifisch, also technisch und taktisch trainieren, d.h. das Athletiktraining ist nur ein kleiner Bestandteil.

In der Wettkampfphase geht es darum, kontinuierlich die Leistungsfähigkeit der Spieler zu erhalten oder weiter nach oben herauszuschieben, bei den Spielern, die vielleicht noch das Potential besitzen. Vereinfacht könnte man sagen, dass es einfach darum geht, frisch am Wochenende zu sein. Das ist immer „ein Spagat, ein Tanz auf der Rasierklinge,“ Trainingsreize zu schaffen, bei denen die Spieler in der Wettkampfphase deren Leistungsniveau halten, Schnellkraftfähigkeiten und Ausdauerfähigkeiten erhalten können, gleichzeitig aber ihre Bewegungseffizienz beibehalten oder vielleicht sogar noch diese Fähigkeiten im Laufe der Zeit verbessern. Trotzdem gilt es, dann am Wochenende mit 90 bis 100 Prozent auf dem Platz zu stehen und die maximale Leistungsfähigkeit zu haben. Das ist die Idee, das sind unsere Ansätze, bei denen wir bisher noch in den Anfängen stehen. Wir bekommen mithilfe dieser Freshness-Monitorings dennoch interessante Ergebnisse, die für uns Trainer gute Rückschlüsse auf unser Training erlauben.

Autor

Torsten Amstein

Torsten Amstein ist Customer Relationship Manager und Performance Specialist bei Omegawave. Neben der Arbeit mit Athleten und Trainern, hält er sich selbst mit Fußballspielen und vielen anderen Sport-und Outdooraktivitäten fit. Zudem besitzt er einen Masterabschluss in Sportwissenschaften. Vernetze dich mit ihm über LinkedIn